Polyvagal-Theorie

Die Polyvagal-Theorie

Die Polyvagal-Theorie ist eine von dem US-amerikanischen Psychiater und Neurowissenschaftler Stephen W. Porges entwickelte Theorie. Porges ist vielfach ausgezeichneter Universitätswissenschaftler am Kinsey Institute, Indiana University, und Professor für Psychiatrie an der University von Nord Carolina.

Die Polyvagal-Theorie liefert schlüssige Erklärungen dafür, warum manche Menschen zu heftigen affektiven Zuständen und aggressivem sozialem Verhalten neigen, obwohl auf den ersten Blick kein Auslöser ersichtlich ist. Vor allem aber gibt sie Therapeuten wichtige Hinweise für die Ansatzpunkte einer effektiven Therapie.

Dabei spielt das Autonome Nervensystem eine wesentliche Rolle.

Das autonome Nervensystem (ANS) in der Polyvagal-Theorie

Das autonome Nervensystem ist der Teil unseres Nervensystems, der für die unbewussten und unwillkürlichen Funktionen unseres Körpers zuständig ist. Der Name „Autonomes Nervensystem“ rührt daher, dass man lange Zeit dachte, auf diesen Teil hätte man keine Einflussmöglichkeit. Neuere Forschungen zeigen aber, dass dies so nicht stimmt.

Das ANS steuert die Funktion der inneren Organe, wie etwa Atmung, Herzschlag oder Verdauung und Hormonausschüttung und beeinflusst zudem, wie wir heute wissen, unsere emotionale Befindlichkeit und somit unser Verhalten.

In der bisherigen Denkweise ging man davon aus, dass das ANS in zwei Teile aufgegliedert ist: den Sympatischen und den Parasympatischen. Der Sympatikus steuert alle Formen von Aktivität während der Parasympatikus zuständig ist für Entspannung, Erholung und Regeneration. Dabei spielt der Vagusnerv, der X. Hirnnerv, eine entscheidende Rolle.

Neue Erkenntnisse durch die Polyvagal-Theorie

In über vierzigjähriger Forschungsarbeit erkannte Porges, dass der Vagusnerv nicht ein einzelner Nerv ist, sondern tatsächlich aus zwei separaten Ästen besteht, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Daher das Name „Polyvagal-Theorie“ (von griech. „poly“=viel). Anatomisch versorgen die beiden Vagus-Äste unterschiedliche Regionen. Der dorsale (hintere) Vagus regelt überwiegend die inneren Organe, die unter dem Zwerchfell liegen, den Magen, Teile des Darms, die Leber und die Nieren. Der ventrale (vordere) Vagus hingegen steuert Bereiche oberhalb des Zwerchfells, vor allem jene, die wir für soziale Aktivitäten benötigen: Gesicht, Mund, Kehlkopf, Rachen und Mittelohr sowie das Herz.

Die unterschiedlichen Äste des Vagusnervs sind aber auch unterschiedlich aufgebaut. Der ventrale Vagus besitzt zusätzlich eine „Myelinisierung“ genannte, umhüllende Fettschicht. Diese Fettschicht ermöglicht, in Abhängigkeit von der Dicke der Nervenfasern, eine bis zu 100-fach schnellere Informationsübermittlung durch die Nervenfasern.

Und noch etwas Wesentliches fand Porges heraus: Entgegen der bisherigen Annahme steuert nicht unser Gehirn das Nervensystem, sondern das Nervensystem gibt auch unserm Gehirn entscheidende Handlungsanweisungen. Körper und Gehirn beeinflussen sich in einem Regelkreislauf also gegenseitig. Ein entscheidender Faktor in diesem Regelkreislauf ist eine Fähigkeit des Nervensystems, die Porges  im Rahmen der Polyvagal-Theorie „Neurozeption“ nennt.

Neurozeption

Neurozeption bezeichnet die Fähigkeit des ANS – automatisch und ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen – die Umgebung, mittels der Informationen über unsere Sinnesorgane, ständig darauf zu überprüfen, ob sie sicher, bedrohlich oder gar lebensgefährlich ist. Je nachdem, zu welcher Einschätzung das ANS kommt, aktiviert es einen von drei grundsätzlichen, physiologischen Zuständen:

  1. Bewertet das ANS die Umgebung als sicher, wird das Social-Engagement-System (SES) aktiviert, das u.a. soziale Interaktion ermöglicht. Hierbei wird der ventrale Vagus aktiv.
  2. Wird die Umgebung als bedrohlich eingeschätzt, aktiviert das ANS den Kampf- oder Fluchtmodus. Dies ist eine Aufgabe für den Sympatikus
  3. Erscheint eine Situation als lebensgefährlich und Kampf / Flucht als nicht möglich, bewirkt das ANS über den dorsalen Vagus eine Erstarrung.

Entwicklungsgeschichtlich sind die zwei Äste des Vagusnevs zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Der dorsale Teil ist weitaus älter als der ventrale. In Gefahrensituationen läuft die Reaktion kaskadenförmig ab. Wenn ein „jüngeres“ Verhalten nicht greift oder gelernte Erfahrungen dagegen sprechen, wird auf das nächstältere Verhaltensmuster umgeschaltet.

Konkret heißt das, dass ein Mensch, der sich bedroht fühlt, zuerst versucht durch soziale Interaktion die Gefahr zu bannen. Gelingt dies nicht oder erscheint der Versuch von vornherein aussichtslos, schaltet das System um auf „Kampf oder Flucht“. Ist auch dies nicht möglich, wird in den dritten Modus, die Erstarrung, gewechselt.

Traumata führen zu falschen Einschätzungen

Dabei kann es vorkommen, dass das ANS zu einer falschen Einschätzung, in den meisten Fällen zu einer falsch-negativen Einschätzung, der Umgebung kommt. Selbst wenn objektiv kein Grund zur Angst besteht, kann der Körper völlig anders reagieren und wir beginnen plötzlich zu zittern oder unser Herz fängt an, heftig zu pochen.

Dies ist häufig der Fall, wenn Menschen in der Vergangenheit traumatische Erfahrungen gemacht haben. Das Nervensystem ist in diesen Fällen quasi zu empfindlich eingestellt. Dies ist vergleichbar mit einem Feuermelder, der bereits dann Alarm gibt, wenn nur die Sonne zum Fenster hereinscheint. Mittels der Neurozeption beeinflusst unser ANS also maßgeblich unser Verhalten.

Das ANS steuert unser Verhalten

Der Zustand des Autonomen Nervensystems beeinflusst aber auch die Fähigkeit zum Zuhören, zum Verarbeiten von Informationen, in soziale Interaktion treten zu können und generell das gesamte Sozialverhalten. Es hängt also nicht nur von unserem „Wollen“ ab, wie wir uns sozial verhalten, sondern oftmals „können“ wir aufgrund unseres vegetativen Zustandes nicht anders. Das ist eine wichtige Information (nicht nur) für Therapeuten.

Ein Gefühl von Sicherheit ist entscheidend

Bekanntermaßen ist die therapeutische Beziehung ein wesentlicher Faktor für den Erfolg einer Therapie. Aus dem Blickwinkel der Polyvagal-Theorie ist ein neurozeptiv wahrgenommenes Gefühl der Sicherheit – sowohl auf Seiten des Klienten als auch auf Therapeutenseite – die wichtigste „Zutat“ für eine gelingende Therapie. Erst wenn das Autonome Nervensystem die Umgebung als sicher wertet, können therapeutische Interventionen ihre volle Wirkung entfalten.

Eine besonders wirkungsvolle Möglichkeit, ein Gefühl der Sicherheit zu erzeugen, ist eingestimmte Kommunikation. Eingestimmte Kommunikation bedeutet, dass der Therapeut sich wirklich auf den Klienten einstimmt, sich einfühlt und mit dem ganzen Körper, der Mimik, den Augen, der Stimmlage kommuniziert. Diese Fähigkeit ist die Domäne des ventralen Vagusnervs. Er dominiert das von Porges so benannte Social-Engagement-System (SES).

Das Social-Engagement-System (SES)

Die Fähigkeit zur sozialen Interaktion ist nicht angeboren. Sie muss von Säuglingen in den ersten Lebensmonaten durch Nachahmung der Bezugspersonen erlernt werden. Ebensowenig haben Säuglinge, wenn sie geboren werden, die Fähigkeit, ihr Nervensystem zu regulieren. Dies muss ebenfalls von der Bezugsperson, meist der Mutter, geleistet werden. Bei Säugetieren ist die neuronale Regulationsfähigkeit des ANS eng mit der neuronalen Regelung der für das Hören und Sprechen zuständigen Muskulatur gekoppelt (Mittelohr, Rachen, Kehlkopf). Diese sind auch maßgeblich für die Aktivitäten des Social-Engagement-Systems.

Die Regulation, also Beruhigung oder Stimulation des Neugeborenen, geschieht durch eingestimmte Kommunikation und Einfühlen in das Kind. Die Mutter reguliert quasi das Nervensystem des Kindes mit ihrem eigenen Nervensystem. Sehr anschaulich ist dieser Mechanismus dargestellt im YouTube-Video „Still–Face-Experiment“ des Forschers Edward Tronick. In diesem Experiment ist zu sehen, wie eine Mutter und ihr Kleinkind miteinander interagieren. Nach einiger Zeit schaut die Mutter kurz weg und wendet sich darauf wieder dem Kind zu, diesmal allerdings mit einem erstarrten Gesichtsausdruck und ohne auf das Kind zu reagieren. Das Kind gerät daraufhin unter massiven Stress, obwohl die „Erstarrung“ der Mutter nur eine Minute anhält. Das Experiment zeigt eindrücklich, wie sehr Kinder auf soziale Interaktion mit den Bezugspersonen angewiesen sind.

Die Folgen von Traumata in der frühesten Kindheit

Wie genau diese Co-Regulation geschieht, ist noch nicht abschließend wissenschaftlich geklärt. Es deutet jedoch vieles darauf hin, dass bestimmte Hirnzellen, die sog. Spiegelneurone, eine wichtige Rolle dabei spielen. Spiegelneurone sind u.a. dafür verantwortlich, dass wir, wenn wir auf unser Gegenüber eingestimmt sind, dessen Gefühle wahrnehmen können.

Kommt es in dieser Lebensphase für das Kind zu traumatischen Erfahrungen, wie z.B. Trennung von den Bezugspersonen oder emotionale Vernachlässigung, kann das SES in seiner Entwicklung nachhaltig gestört werden. Man spricht in diesem Fall von einem Entwicklungstrauma, im Gegensatz zum Schocktrauma, das durch ein einzelnes, furchtbares Erlebnis ausgelöst wird.

Hinweise auf eine mögliche Störung des Social-Engagement-Systems sind:

  • Ausdruckslose Stimme ohne Prosodie (Lautmelodie)
  • Verminderter Augenkontakt
  • Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation
  • Abgestumpfter Gesichtsausdruck, insbesondere der oberen Gesichtshälfte (Augenringmuskel)
  • Schwierigkeiten in der Affektregulation (zappelig, ängstlich, schreckhaft, ablenkbar, impulsiv, etc.)
  • Gestörte vagale Reaktion (z.B. Verdauung)
  • Probleme beim Zuhören, besonders in lauter Umgebung
  • Geräuschempfindlichkeit
  • Lichtempfindlichkeit

Das Safe and Sound Protocoll (SSP) – die klinische Anwendung der Polyvagal-Theorie

Wie oben schon gesagt, ist die neuronale Regulationsfähigkeit des ANS eng mit der neuronalen Regelung der für das Hören und Sprechen zuständigen Muskulatur gekoppelt. Da lag es nahe, dieses „Eingangstor“ therapeutisch zu nutzen, um betroffenen Menschen zu helfen, die erwähnten Störungen zu überwinden. Nach jahrelanger Forschung gelang dies Stephen Porges schließlich im Jahr 2017. Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse aus der Polyvagal-Theorie, entwickelte er mit dem SSP eine wirksame Methode, die das ANS wieder in einen entspannten Zustand bringen kann.