Safe and Sound Protocol (SSP)

Musik als Medizin

Das Safe and Sound Protocol (SSP)

Für Daniel P.* ist es immer noch wie ein kleines Wunder. So leicht ist es ihm noch nie gefallen, seinem Gegenüber bei Gesprächen im Restaurant zu folgen. Er kann sich viel besser konzentrieren, lässt sich nicht mehr so leicht ablenken und ist weniger schreckhaft. Auch mit geäußerter Kritik kann er nun besser umgehen, weil er sich insgesamt sicherer fühlt. Und das alles durch „ein bisschen Musik hören“! „Safe and Sound Protocol (SSP)“ heißt die Therapiemethode, die bisher in Deutschland leider nur von sehr wenigen Therapeuten angeboten wird.

Das „Safe and Sound Protocol (SSP)“ ist eine von dem US-amerikanischen Neurowissenschaftler Stephen W. Porges entwickelte, musikgestützte Therapieform. Vierzig Jahre Forschung stecken darin. Sie basiert auf der von Porges begründeten Polyvagal-Theorie.

Ursprünglich wurde das SSP zur unterstützenden Behandlung von Menschen entwickelt, die an Autismus erkrankt sind. Die Praxis zeigt aber, dass das Anwendungsfeld viel breiter ist. Die Forschung hierüber steht gerade erst am Anfang aber es zeigen sich bereits beeindruckende Erfolge etwa bei Angsterkrankungen, Problemen mit der Affektregulation oder Traumafolgestörungen.

Entwicklungstraumata

Viele Fachleute aus dem Feld der Psychotherapie gehen mitlerweile davon aus, dass sog. Entwicklungstraumata die Ursache für sehr viele psychische Probleme sind. Als Entwicklungstrauma bezeichnet man überwältigende Erlebnisse in der frühen Kindheit oder sogar vorgeburtlich.

Wie man heute weiß, nehmen Kinder bereits ab den ersten Schwangerschaftswochen Informationen aus ihrer Umgebung auf. So kann massiver Stress der Mutter bereits zu ersten Erschwernissen in der Entwicklung des werdenden Lebens führen. Aber auch die Umstände der Geburt, etwa durch Kaiserschnitt, oder medizinisch notwendige Eingriffe nach der Geburt, können durch die Trennung von der Bezugsperson zu erheblichen Traumatisierungen führen.

Traumata als Ursache für viele psychische Probleme

Dazu muss man wissen, dass die Trennung von der Bezugsperson vom Säugling subjektiv als akute Lebensbedrohung wahrgenommen wird. Säuglinge und Kleinkinder sind noch nicht in der Lage, ihr Nervensystem selbstständig zu regulieren. Diese Fähigkeit muss in den ersten Lebensmonaten und -jahren erst durch Nachahmung der Bezugspersonen erlernt werden. Kommt es in dieser Zeit zu einer längeren Trennung von der Mutter, kann dies Störungen in der Entwicklung bewirken. Auch emotionale Vernachlässigung und nicht zuletzt natürlich auch körperliche oder seelische Gewalt führen zu massiven Traumatisierungen.

Dadurch wird die Fähigkeit zur Selbstregulation massiv beeinträchtigt. Dies hat weitreichende Folgen für das Leben der Betroffenen. Da die Selbstregulationsfähigkeit nicht richtig entwickelt ist, können diese Menschen emotionale Spannungen nur schwer aushalten. Sie reagieren dann entweder mit Unruhe, gesteigerter Aktivität oder sogar Aggressivität oder – am anderen Ende des Toleranzfensters – sie brechen innerlich zusammen, erstarren, sind antriebslos oder flüchten in eine innere Welt. In der klinischen Praxis sehen wir dann beispielsweise Depressionen, ADHS, Burn-Out oder Angststörungen und Panikattacken. Auch die Anfälligkeit für Suchterkrankungen ist deutlich erhöht.

Schocktrauma

Neben dem oben beschriebenen Entwicklungstrauma, das sich über längere Zeit entwickelt hat, kann auch ein einzelnes schreckliches Erlebnis zu einer Traumatisierung führen. Dies kann etwa ein Verkehrsunfall oder ein Verbrechen sein. Man spricht hier von einem Schocktrauma. Auch beim Schocktrauma wird die Regulationsfähigkeit des Nervensystems beeinträchtigt. In der traumatisierenden Situation wurde das Nervensystem quasi überflutet und ist auf einem hohen Erregungspegel hängen geblieben. Kleinste Umweltreize, sog. Trigger, lösen dann sofort wieder ein Erleben aus, als wäre man noch immer in der schrecklichen Situation.

Traumata beeinträchtigen das Gehör

Prof. Porges fand heraus, dass bei vielen Menschen, aufgrund einer traumatischen Erfahrung, die Mittelohrmuskulatur in ihrer Funktion eingeschränkt ist. Der Musculus Stapedius, der für die Spannung des Trommelfells und damit für die Einstellung der Empfindlichkeit des Gehörs zuständig ist, ist bei traumatisierten Menschen häufig verspannt. Dadurch ist es für diese Menschen viel schwieriger bis unmöglich, die menschliche Stimme aus lauteren Umgebungsgeräuschen herauszufiltern.

Safe and Sound Protocol

Neben verschiedenen anderen Folgen, führt dies dazu, dass das autonome Nervensystem ständig Signale für Bedrohung empfängt und daher zum „Kampf- oder Fluchtmodus“ tendiert. Dies hat weitreichende negative Folgen, beispielsweise für soziales Miteinander, Konzentrationsfähigkeit oder die Selbstregulationsfähigkeit eines Menschen.

Das Mittelohr als Tor zum Nervensystem

Aus der Körperpsychotherapie weiß man, dass das Nervensystem die Muskulatur, beispielsweise die Körperhaltung, beeinflusst. Wir alle können meist sofort an der Körperhaltung erkennen, wenn es jemandem schlecht geht. Umgekehrt wirkt die Körperhaltung auch auf das Nervensystem und somit auf die Befindlichkeit. Was würde geschehen, so überlegte Porges, wenn es gelingen könnte, den Musculus Stapedius wieder zu entspannen? Der Theorie nach, müsste dieses unmittelbare Auswirkungen auf den Zustand des Nervensystems haben.

Also konzentrierte er seine Forschungen auf die Entwicklung einer Methode, die genau dieses bewirken kann. Das erfolgreiche Ergebnis dieser jahrelangen Bemühungen ist das Safe and Sound Protocol (SSP).

Das Safe and Sound Protocol (SSP) hat ein breites Anwendungsspektrum

Obwohl, wie oben ausgeführt, das SSP zur Behandlung von Autismus entwickelt wurde, hat es sich auch bei vielen anderen Problemfeldern als äußerst hilfreich erwiesen. So beispielsweise bei

  • Traumafolgestörungen
  • Entwicklungstraumata
  • Angststörungen
  • Panikattacken
  • Störungen der Selbstregulationsfähigkeit
  • Ess-Störungen
  • ADS und ADHS
  • Sozialen und emotionalen Schwierigkeiten
  • Geräuschempfindlichkeit und Überempfindlichkeit gegenüber anderen sensorischen Reizen
  • Konzentrationsstörungen
  • Suchtproblematiken

Da diese Methode erst seit 2017 verfügbar ist, ist zu erwarten, dass sich die positiven Auswirkungen zukünftig auch noch auf anderen Gebieten erweisen werden.

Erfolgsfaktoren des Safe and Sound Protocol (SSP)

Zwei wesentliche Bausteine bestimmen den Erfolg des SSP: Spezielle Musik und Co-Regulation durch einen geschulten Therapeuten.

Zur Durchführung des „Safe and Sound Protocol“ sind in der Regel sechs Sitzungen notwendig. Die erste Sitzung dient dem gegenseitigen Kennenlernen und der Abklärung, ob das Save and Sound-Protocol für die gegebene Problematik geeignet erscheint. Für die eigentliche Behandlung sind dann fünf weitere Sitzungen a 90 Minuten (inclusive Vor- und Nachbesprechung) an fünf aufeinanderfolgenden Tagen erforderlich.

In dieser Zeit hört der Klient über Kopfhörer speziell modulierte Musik. Die Musik besteht aus amerikanischen Pop-Songs die per Computer speziell und sehr komplex bearbeitet sind. So ist in die Musik beispielsweise die Prosodie (Sprachmelodie) einer Mutter, die ihr Kind beruhigt, eingearbeitet. Durch dieses spezielle Training wird die Mittelohrmuskulatur dauerhaft wieder aktiviert und somit eine neue neuronale Basis geschaffen.

Co-Regulation als entscheidender Faktor

Während der Klient die Musik hört, wird er durch einen Therapeuten aktiv begleitet. Der Therapeut stimmt sich auf den Klienten ein und reguliert über seine eigene Regulation das Nervensystem des Klienten. Im Prinzip ist dies dieselbe „Methode“, die eine Mutter nutzt, wenn sie ihren Säugling beruhigt. Man nennt diese Technik „Co-Regulation“. Auf diese Weise kann es gelingen, dem autonomen Nervensystem wieder ein dauerhaftes Gefühl der Sicherheit zu geben. Diese Basis ermöglicht u.a. eine schnellere Auffassungsgabe, leichteres Lernen und damit auch effektivere Psychotherapie. Denn wer sich sicher und stabil fühlt, dem fällt es leichter, sich mit unangenehmen Themen auseinanderzusetzen oder Gefühle auszuhalten, die er bisher vermeiden oder verdrängen musste. Dies ist die entscheidende Grundlage für den Erfolg einer Therapie. Das SSP ersetzt also keine Therapie, sondern schafft die Grundlage dafür, dass eine anschließende Therapie schneller und erfolgreicher verlaufen kann.

Die therapeutische Begleitung während des Hörens ist auch deshalb erforderlich, weil u.U. durch die – von außen gesehen unspektakulär erscheinende – Methode tiefsitzende Emotionen angerührt werden können. Damit dabei eine Überflutung und mögliche Retraumatisierung ausgeschlossen wird, bedarf es erfahrener therapeutischer Begleitung.

Gerne informiere ich Sie, ob das Safe and Sound Protocol auch bei Ihrer persönlichen Problematik helfen kann. Sprechen Sie mich an.

(* Name zur Wahrung der Anonymität geändert)